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Zwischen Alles-Anna und Helfer-Hannes

Unsere ehemalige Beirätin Laura Hermanns im Interview mit SaalZwei

Sarah Grewing 10.07.2014
Sie ist hoch qualifiziert, anspruchsvoll und in der Welt zu Hause: die derzeit vielbeachtete Generation Y. Karriere, Familie, Reisen, Nachhaltigkeit – sie will das ganze Paket! Laut einer jüngst veröffentlichten embrace-Studie („Karriere trifft Sinn“) wird diese begehrte Fachkräfte- und Führungselite von morgen ihre Arbeitsbedingungen so stark selbst bestimmen können wie keine andere Generation zuvor. Nicht zuletzt dank des dramatischen Verlaufs der demografischen Entwicklung.

Laura Hermanns ist auf den ersten Blick ein Paradebeispiel: Chemie-Studium in Köln, Bachelorarbeit in Stockholm, Master-Studium in München, Masterarbeit und derzeit Dissertation bei der Daimler AG in Stuttgart. Im Interview mit SaalZwei berichtete die 26-Jährige über ihren Berufseinstieg, persönliche Herausforderungen und warum sie glaubt, dass man eigentlich nicht alles haben kann.

Laura, wie sieht dein optimales Lebensmodell aus?

Idealerweise möchte ich mich in allen Facetten meines Lebens verwirklichen. Das bedeutet für mich, meinen Forschergeist auszuleben, Technologien und das entsprechende Unternehmen voranzubringen sowie genügend Zeit zur Verfügung zu haben, um zu reisen, Erinnerungen zu sammeln und gegebenenfalls eine Familie zu gründen.

Laut der Clustertypen der embrace-Studie bist du also eine „Alles-Anna“.

Laura Hermanns, ehemalige Beirätin bei careerloft
Laura Hermanns

Ja, ich finde mich tatsächlich sehr in der „Alles-Anna“, aber auch ein wenig im „Helfer-Hannes“ wieder. Gerne möchte ich das Maximum an Selbstverwirklichung erreichen, aber gleichzeitig mache ich mir Gedanken um meine Umwelt und gestalte diese auch gerne aktiv mit. Mit den Ergebnissen der Studie kann ich mich insgesamt sehr gut identifizieren, da auch ich gewisse Ansprüche an meinen Arbeitgeber stelle. Dabei sind mir die Unternehmenswerte besonders wichtig! Zusätzlich wünsche ich mir auch entsprechende Gegenleistungen von meinem Arbeitgeber und achte darauf, einen akzeptablen Ausgleich zwischen Beruf und Privatleben zu finden.

Siehst du die Tatsache, dass du eine Frau bist, als Nachteil im Hinblick auf Deine Karriere?

Nein, absolut nicht! Persönlich denke ich, dass momentan eine Zeit ist, in der Frauen ihre Karriereziele sehr schnell erreichen können. Die Arbeitgeber sind mittlerweile sensibilisiert und ausreichend „frauenspezifische Förderprogramme“ wurden etabliert. Bisher habe ich noch keine Ablehnung oder Diskriminierung aufgrund meines Geschlechts erfahren. Die größte Herausforderung besteht meiner Meinung nach eher darin, seine eigenen Fähigkeiten und Bedürfnisse ehrlich zu erörtern und Entscheidungen konsequent zu folgen. Frauen, die mutig sind und selbstbewusst durchs Berufsleben gehen, finde ich persönlich in vielerlei Hinsicht interessant und inspirierend. Glücklicherweise bin ich bisher einigen dieser Persönlichkeiten auf meinem Weg begegnet. Aber egal ob Frau oder Mann, wenn man will, kann man einiges erreichen – sein Glück hat man oftmals selbst in der Hand. Man muss es nur erkennen und bereit sein, dafür seine „Frau“ zu stehen.

Welche Erfahrungen hast du als Berufseinsteigerin gemacht?

Mich hat ehrlich gesagt überrascht, dass selbst eine akkurate Planung der Karriere – angefangen bei Studienfach und -ort über Auslandsaufenthalte bis hin zu freiwilligem Engagement – keine Garantie für beruflichen Erfolg ist. Und auch persönliche Kontakte helfen nur bedingt bei der Jobsuche. Oft sind es starre Normen, denen man nicht entspricht. Hier habe ich mich gefragt, werde ich als Persönlichkeit gesucht, oder wird nur eine Person mit gewissen standardisierten Kompetenzen gesucht, die beliebig austauschbar ist? Diesen Eindruck belegen nicht nur einige Studien über die Generation Y, sondern auch Diskussionen in meinem Freundeskreis.

Hast du dir deinen Arbeitgeber konkret danach ausgesucht, ob Frauen gefördert werden und eine gute Infrastruktur bzgl. „Vereinbarkeit von Familie & Beruf“ besteht?

Ja, bei der Auswahl meines Arbeitsgebers hat das eine Rolle gespielt. Auch wenn ich nicht in den nächsten drei Jahren davon Gebrauch machen werde, sind mir diese Aspekte jetzt schon wichtig. Mit meiner Berufswahl stelle ich die Weichen für mein ganzes Leben, weshalb für mich Flexibilität rund um das Thema Familie ein besonderes Kriterium bei der Wahl des Arbeitgebers darstellt.

Glaubst du, dass man wirklich alles, also Familie, Freunde, Karriere etc., haben kann?

Nein, ich glaube nicht, dass tatsächlich alle Wünsche unter einen Hut gebracht werden können, da hier zu viele Faktoren ineinandergreifen. Da braucht es schon einiges: ein sehr straffes Zeitmanagement, ein Partner, dessen Karriere sich mit der eigenen ergänzt sowie die Kraft und der Wille, in allen Bereichen stets 100 Prozent zu geben. Sheryl Sandberg, die mit ihrem Buch „Lean in – Women, Work, and the Will to Lead“ eine gute Anleitung gibt, wie man alles erfolgreich schaffen kann, hat mich aber definitiv inspiriert und motiviert.

Sprichst du offen mit deinem Partner über das Thema: Wie managen wir es, wenn wir Kinder haben?

Ich spreche offen mit meinem Partner über dieses Thema. Hierbei spielt bei uns keine Rolle, ob der Mann oder die Frau die erziehende Rolle übernimmt, sondern wir haben Kriterien definiert, die bewertet werden, sofern Kinder ins Spiel kommen. Danach entscheiden wir, in welcher Reihenfolge und wer sich wie lange aus seinem Beruf zurückziehen kann. Klar ist für uns beide, dass keiner automatisch irgendeine traditionelle Rolle einnimmt, da wir eine gleichberechtigte Beziehung führen.

Haben sich deine persönlichen Wünsche/Ansprüche/Pläne geändert; seit du im Berufsleben stehst?

Eindeutig! Ich bin wesentlich entspannter, was das Thema Karriere und Familienplanung angeht, da ich bei meinen Kollegen und Kolleginnen die Vereinbarkeit von beidem live miterlebe. Zudem möchte ich die Zeit der Promotion nutzen, um mich im Unternehmen zu orientieren und auszuloten, wie es danach weitergehen kann. Meine persönlichen Ansprüche sind unverändert, allerdings weiß ich, dass ich diese immer wieder an die aktuelle berufliche Situation anpassen muss. Daraus hat sich eine gewisse Gelassenheit ergeben, mit der ich freudig den kommenden privaten und beruflichen Herausforderungen entgegenblicken kann.

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