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Immer mehr Unternehmen setzen Online-Assessments im Recruiting ein. Was kommt da auf mich zu?

Christian Focken 28.07.2013
Wir freuen uns über den Gastbeitrag von Jo Diercks, Geschäftsführer CYQUEST GmbH, Hamburg. Er beantwortet dir die wichtigsten Fragen zum Thema Online-Assessments.
Jo Diercks über Online Assessment Center
Jo Diercks, Geschäftsführer CYQUEST GmbH

Online-Assessments liegen im Trend

Der Trend zum Einsatz von Online-Tests in der Personalauswahl ist unübersehbar. Die Liste namhafter Unternehmen, die Online-Assessments zum Beispiel im Rahmen ihrer Auswahlprozesse von Auszubildenden, Dualstudierenden, Trainees, Praktikanten, Werkstudenten, Hochschulabsolventen oder Young Professionals einsetzen, umfasst dabei Großkonzerne wie E.ON, Daimler, Lufthansa, Gruner+Jahr oder Unilever genauso wie (größere) mittelständische Unternehmen wie Tchibo, Fielmann, TenneT oder die Wieland-Werke. Verschiedene Studien schätzen den Anteil der Unternehmen, die computerbasierte Assessments einsetzen, um Bewerber zu testen auf ein Drittel und mehr, Tendenz stark steigend. Die Wahrscheinlichkeit also, zu einem Online-Assessment eingeladen zu werden, wenn man sich heute bewirbt, ist recht hoch.

Was sind Online-Assessments?

Tchibo setzt auf Online Assessment Center
Größere mittelständische Unternehmen wie Tchibo setzen verstärkt auf Online Assessment Center.

Online-Assessment (oft synonym auch eAssessment oder wissenschaftlich nicht ganz korrekt Online-Assessment-Center genannt) bezeichnet den Einsatz von eignungsdiagnostischen Testverfahren, die über das Internet durchgeführt werden zur Ermittlung berufsrelevanter Personenmerkmale im Rahmen der Personalauswahl. Online-Assessments unterscheiden sich zwar je nach Zielgruppe und Einsatzzweck, aber in der Regel werden darin in erster Linie Aspekte der berufsbezogenen kognitiven Leistungsfähigkeit, also des schlussfolgernden Denkens gemessen. Etwas nachrangig geht es auch um Wissensfacetten wie Rechtschreibung, Mathematik oder technisches Verständnis. Zuweilen, insgesamt aber erheblich seltener, werden auch Softskills bzw. berufsbezogene Persönlichkeitsmerkmale überprüft.

Aufgabenbeispiel aus dem Tchibo Online Assessment Center
Online-Assessments testen in der Regel die berufsbezogene kognitiven Leistungsfähigkeit der Bewerber.

Warum setzen Unternehmen Online-Assessments ein?

In erster Linie bieten Online-Assessments Unternehmen den großen Vorteil, dass bereits in einem frühem Stadium des Auswahlprozesses ein ganzheitlicheres Bild des Kandidaten entsteht. Während sich früher die Möglichkeiten der Vorauswahl auf biografische (Lebenslauf-)Daten, Zeugnisse und Anschreiben beschränkten, stellen Online-Assessments sehr kostengünstig auch Informationen über maßgebliche Eigenschafts- und Verhaltensmerkmale eines Kandidaten bereit. Daneben sparen Online-Assessments den Unternehmen schlichtweg viel Zeit und Geld.

Wie läuft die Auswahl in den Unternehmen unter Einbindung von Online-Tests denn ab?

Nachdem man seine Bewerbung an das Unternehmen geschickt hat, wird diese zumeist einer ersten Sichtung unterzogen. Offensichtlich unpassende Bewerbungen werden identifiziert und erhalten eine Absage. Alle anderen bekommen eine Einladung nebst Zugangslink zum Online-Assessment, typischerweise per E-Mail. Dieser Zugang gilt immer nur für einen Bewerber und eine einmalige Durchführung. Die Ergebnisse werden direkt nach Abschluss des Tests an das Unternehmen übermittelt. Das Unternehmen erhält somit wertvolle zusätzliche Informationen, wer zu den weiteren Auswahlschritten (also z.B. zum Interview, Assessment Center oder Auswahltag) eingeladen wird.

Bieten Online-Assessments auch Vorteile für Kandidaten?

Online-Assessments bieten nur Unternehmen Vorteile, Bewerbern hingegen nicht? Weit gefehlt! Für Kandidaten bieten diese Instrumente eine Reihe von Vorteilen. Da sind erst einmal ganz handfeste praktische Argumente zu nennen:

  • Die Tests können durchgeführt werden, wann man möchte. Die Unternehmen geben zumeist nur einen Zeitrahmen (z.B. 2 Wochen) vor. Wann konkret man die Tests bearbeitet - ob tagsüber zu Bürozeiten oder Nachts am Wochenende - kann man selber entscheiden.
  • Die Tests können im eigenen, stressfreien Umfeld durchgeführt werden. Statt in einem Raum beim Unternehmen sitzen zu müssen, kann man den Test absolvieren, wo man will. Ob am heimischen Schreibtisch oder mit dem Laptop auf dem Schoß auf dem Bett sitzend, liegt komplett bei einem selbst.
  • Die Testdurchführung ist insg. mit einem sehr niedrigen Aufwand verbunden (Reise-, Zeitaufwand etc.). Man muss schlichtweg nirgendwo hin, sondern macht die Tests bequem von zu Hause.

Neben diesen eher handfesten Argumenten, sprechen aber auch eine Reihe inhaltlicher Gründe für Online-Assessments.

So steigern diese insgesamt schlichtweg die Fairness der Auswahl. Die Tests sind per Definition „objektiv“, Angst vor einem „Nasenfaktor“ bei der Beurteilung muss man hier nicht haben. Auch ist ja klar, dass Unternehmen irgendeine Form der Vorauswahl einsetzen müssen, weil nicht jeder Bewerber zum Gespräch eingeladen werden kann. Oft wird diese Vorauswahlentscheidung aber mangels anderer verfügbarer Informationen mit Hardfacts wie Schul- und Zeugnisnoten oder Lebenslaufstationen begründet. Das kann auf die große Fallzahl bezogen halbwegs korrekt sein, für eine individuelle Beurteilung taugen diese Kriterien aber nur bedingt. Im Einzelfall kann eine schlechte Schul- oder Zeugnisnote nämlich ganz andere Gründe als „mangelnde Leistungsfähigkeit“ haben, z.B. weil man mit dem jeweiligen Lehrer nicht konnte. Auch sagt z.B. die Tatsache, dass man noch keinen Auslandsaufenthalt absolviert hat, natürlich überhaupt nichts darüber aus, dass man sich in fremden Kulturen nicht zurechtfinden würde. Vielleicht konnte man sich den Gang ins Ausland bislang einfach nicht leisten.

Aufgrund der ökonomischen Durchführung bieten Online-Assessments Unternehmen nun die Möglichkeit, nahezu ohne Mehrkosten auch solchen Kandidaten eine Chance zu geben, denen früher aufgrund der „Papierform“ wahrscheinlich abgesagt worden wäre. Das Online-Assessment liefert für alle Bewerber ein vergleichbares Beurteilungskriterium – das ist fair.

Online-Assessments, die auch über das Unternehmen informieren

Es ist daher nicht überraschend, dass Online-Assessments auch und insbesondere bei Bewerbern eine hohe Akzeptanz aufweisen. Dies gilt besonders für solche Online-Assessments, die nicht einfach nur Test an Test reihen, sondern ansprechend und modern gestaltet ist und neben den reinen Testinhalten etwa auch individuelle Informationen über das jeweilige Unternehmen vermitteln sowie zuweilen unterhaltsame Entspannungsmomente umfassen.

Auch Infos zur Ausbildung werden im Online Assessment Center untergebracht
Neben den reinen Testinhalten sorgen individuelle Informationen über das Unternehmen für Entspannungsmomente.

In diesem Zusammenhang spricht man auch von Recrutainment. Das heißt keineswegs, dass man als Bewerber hier ein Spiel spielt, bei dem aus dem jeweiligen Spielverhalten Rückschlüsse auf etwaige Fähigkeiten geschlossen werden. Nein, im Kern geht es natürlich weiterhin um die Testinhalte, aber man erfährt ebenzusätzlich einiges über den potentiellen Arbeitgeber, etwa indem die Tests in eine Rahmenhandlung eingebettet sind oder man an verschiedenen Stationen Einblicke erhält, wie es beim Unternehmen aussieht, was etwa das Traineeprogramm so besonders macht oder wie es mit dem Dresscode beim Unternehmen aussieht... Insb. nach Recrutainment Gesichtspunkten gestaltete Online-Assessments werden sowohl insgesamt als auch hinsichtlich der Teilaspekte Messqualität, Augenscheinvalidität, Kontrollierbarbeit und Belastungsfreiheit im Schnitt klar besser bewertet als andere anerkannte Tests.

Soweit ein sehr umfangreicher und gleichzeitig lehrreicher Test. Dadurch, dass man nicht nur Fragen stumpf beantworten muss, sondern gleichzeitig noch etwas über den Ausbildungsverlauf und deren Inhalte erfährt, ist der Test viel ansprechender. Alles soweit top.
Ein O-Ton aus einer Evaluationsstudie 

Immer mehr Unternehmen haben dies erkannt. Es ist ja im Prinzip auch nicht einzusehen, wenn potentielle Kandidaten mit individuellen und aufwendig gestalteten Personalmarketing-Aktivitäten zu einer Bewerbung animiert werden, um diese dann im Zuge des Auswahlprozesses mit lieblosen und austauschbaren Instrumenten, z.B. einem langweiligen Test zu quälen.

Wie kann ich mich auf ein Online-Assessment vorbereiten? Was ist zu beachten?

Zuerst einmal: Locker bleiben! Online-Assessments sind kein Hexenwerk und auch keine Geheimwissenschaft. Es gibt dennoch ein paar Tipps, die man durchaus beachten sollte, wenn man eine Einladung bekommt:

  • Zumeist erwarten einen kognitive Leistungstests. Die kann man sich zwar nicht wirklich antrainieren – aber es gilt: Je weniger aufgeregt, desto dichter am eigentlichen Leistungspotenzial.
  • Möglichst ausgeruht sein. Also vielleicht vor dem Test nicht unbedingt bis morgens feiern gehen...
  • Sich ein entspanntes, störungsfreies Umfeld schaffen, möglichst ohne klingelndes Telefon im Hintergrund und ohne währenddessen auf WhatsApp zu chatten...
  • Die Instruktionen gründlich lesen!!!
  • Vor dem Test Beispiele und auch Übungsaufgaben im eigentlichen Test machen. Wenn man bereit ist, Startknopf drücken und möglichst konzentriert die Tests bearbeiten.
  • Ach ja, hinterher hat man oft das Gefühl, dass man nicht sonderlich gut war, etwa weil man nicht alles geschafft hat oder sich bei einigen Aufgaben unsicher war. Das ist normal, die Tests sind so konzipiert.

Kann man bei Online-Assessments nicht wunderbar schummeln?

Der Gedanke liegt natürlich nahe. Letztlich gilt für Online-Assessments, dass man genauso schummeln kann, wie bei der Erstellung eines Motivationsschreibens oder eines Lebenslaufs. Es steht ja niemand vom Unternehmen daneben und führt Aufsicht...

Aber: Zunächst sind in Online-Assessment-Verfahren einige Sicherungsmechanismen eingebaut, die Manipulationsversuche erheblich erschweren und natürlich kann es einem sehr gut passieren, dass man das Online-Assessment, oder zumindest Teile davon, vor Ort beim Unternehmen noch einmal bearbeiten muss - unter Aufsicht. Weicht das dort erzählte Ergebnis dann auffällig von demjenigen von zu Hause ab - was sich messen lässt - wird es unter Umständen unangenehm.

Und letztlich ist es ja auch so, dass der Online-Test selber nicht auswählt, d.h. wer es möglicherweise schafft, sich durch diese Stufe durchzuschummeln ist noch lange nicht am Ziel. Die Entscheidung, wer am Schluss eingestellt wird und wer nicht, trifft immer noch ein Mensch.