DE EN

Ingenieure bei Audi: Einsteigen, bitte!

Nadine Miczka 16.12.2016
Die Automobilbranche wird vom digitalen Wandel maßgeblich beeinflusst: Das große Zukunftsthema für Audi ist die vernetzte Mobilität. Schon heute warnen Autos ihre Fahrer vor Müdigkeit, bremsen im Notfall ab oder halten das Tempolimit automatisch ein. Durch Schwarmdaten soll das Fahrerlebnis bald noch sicherer und für den Fahrer entspannter werden.
#JobEinstieg ING: Ingenieure bei Audi

Martin Deinhard setzt diese Visionen für die nächsten Generationen von Fahrzeugen in Serie um. Wir haben mit dem Experten für digitale Strategien in Form von Diensten und Apps von Audi gesprochen. 

Hallo, Herr Deinhard. Wie sind Sie zu Audi und Ihrer aktuellen Position gekommen?
Ich habe Wirtschaftsingenieurwesen mit einer Spezialisierung auf Fahrzeugtechnik studiert. Vor neun Jahren bin ich über das internationale Traineeprogramm bei Audi eingestiegen und war in dieser Zeit im Bereich Logistik und Produktmanagement tätig. Meinen Auslandsaufenthalt während des Programms habe ich in Peking verbracht. Wieder zurück in Ingolstadt war ich in der Abteilung Entwicklung Gesamtfahrzeug zuständig. Auf die Elektronikprojektleitung des Audi TT folgte die für den Audi A4, A5 und Q5. Nun leite ich seit zwei Jahren das Team Entwicklung Audi connect Infotainment und Apps.

Der digitale Wandel hat Sie und Ihre Abteilung bei Audi fest im Griff. Immer wieder kommen neue Apps und Online-Dienste auf den Markt. Wie schnell lassen sich eigentlich neueste Entwicklungen in Serie bringen?
Für uns ist das eine der größten Herausforderungen. In der Serienentwicklung eines Fahrzeugs haben wir vergleichsweise lange Entwicklungszyklen und müssen zudem beachten, dass unsere Angebote auch während der Fahrt sicher bedient werden können. Um neue digitale Services schnell im Auto bereit zu stellen, gestalten wir unsere Elektronikarchitektur sehr flexibel. Viele Kunden sind heute rund um die Uhr online und möchten ihre digitale Lebenswelt auch im Auto nutzen. Durch unsere Konzepte schaffen wir es, mit der schnellen Welt der Consumer Elektronik mitzuhalten und in wenigen Monaten neue Dienste in unseren Fahrzeugen anzubieten.

#JobEinstieg Ingenieure bei Audi: Einsteigen, bitte!
Martin Deinhard, Leiter des Teams Entwicklung Audi connect Infotainment und Apps

Wie müssen wir uns das Team vorstellen, das so nah am Kunden und der digitalen Entwicklung arbeitet?
Mein Team ist interdisziplinär und vielseitig: Die Kolleginnen und Kollegen kommen aus den unterschiedlichsten Bereichen. Bei uns arbeiten Physiker, Elektrotechniker, Ingenieure sowie Informatiker. Andere haben bereits in der Wirtschaft Erfahrung gesammelt, haben Start-ups gegründet oder bringen einen betriebswirtschaftlichen Hintergrund mit. Im Zuge der Digitalisierung wachsen wir sehr stark. Wir sind ein junges Team, der Altersdurchschnitt liegt derzeit bei 31 Jahren. Wir verstehen uns selbst als Gestalter von smarten Lösungen.

Vor zwei Jahren sind wir mit wenigen Leuten gestartet, heute besteht das Team schon aus rund 25 Mitarbeitern und ist international breit aufgestellt. Darüber hinaus arbeiten wir mit vielen Start-ups zusammen und integrieren auch Ideen junger Entwickler.

Derzeit hat man den Eindruck, dass Kunden selektiver bei der Wahl von Apps werden. Sie nutzen nur noch das, was ihnen wirklich einen Mehrwert bietet. Welche Vorteile bieten neue digitale Dienste?
Die Angebote werden immer personalisierter und sind genau auf die Kunden zugeschnitten. Ich kann nicht nur meine Lieblingssongs oder meinen Radiosender abspielen. Apps lernen auch meinen Geschmack kennen, sodass ich weitere Songs oder Sender vorgeschlagen bekomme.

Ein anderes Beispiel: Digitale Dienste suchen mir die nächste Pizzeria in einer fremden Stadt und wissen, ob es in der Nähe noch einen freien Parkplatz gibt, der sich in naher Zukunft auch bargeldlos bezahlen lässt.

Welcher digitale Trend wird unser Fahren in den nächsten Jahren am meisten verändern?
Eine wichtige Entwicklung ist die Nutzung von Schwarmdaten. Autos verfügen dann nicht mehr nur noch über die Informationen, die sie aus ihrer direkten Umgebung selbst mittels Sensoren oder Kameras erkennen und verarbeiten, sondern sie teilen diese Informationen über die Cloud mit anderen Fahrzeugen. So können wir neue Services anbieten, die den Verkehr sicherer machen. Auf lange Sicht sind Schwarmdaten in Verbindung mit Machine-Learning-Komponenten eine unabdingbare Voraussetzung für selbstfahrende Fahrzeuge. Das ist einer der wichtigsten Trends, die wir vorantreiben.

Exakte Kartendaten sind die Grundlage für pilotiertes Fahren. Audi setzt auf den Kartendienst von Nokia. Ist „HERE“ die Zukunft der Kartendienste?
Wir befinden uns vermutlich im radikalsten Umbruch, den die Automobilindustrie bisher erlebt hat. Beim Kartendienst HERE arbeiten wir daher sehr eng mit den Kollegen von BMW und Daimler zusammen und lassen die Plattform auch für weitere Hersteller offen. So können wir den Vorteil einer großen Schwarmintelligenz aktiv für die Entwicklung der digitalen Zukunft der Automobilindustrie nutzen und unseren Kunden neue Services bieten.

Ein wichtiges Ziel des pilotierten Fahrens ist die Verkehrssicherheit. Sogar die „Vision Zero“, also null Verkehrstote, wird verfolgt. Wie können Schwarmdaten dabei helfen?
Schon jetzt bieten wir Funktionen an, die mehr Sicherheit in den Straßenverkehr bringen. Ein Beispiel ist die Adaptive Cruise Control – kurz ACC. Wenn Sie heute mit aktiver ACC fahren, geben Sie eine maximale Geschwindigkeit vor, die das Fahrzeug dann einhält, sich darüber hinaus hinsichtlich Bremsen und Beschleunigen am vorausfahrenden Fahrzeug orientiert sowie den Streckenverlauf berücksichtigt. Passiert auf der Strecke allerdings ein Unfall oder die Fahrbahn ist glatt und vereist, weiß es das Auto heute noch nicht. Dank der intelligenten

Verarbeitung von Schwarmdaten, können Fahrer und Fahrzeug frühzeitig vor solchen Gefahren gewarnt werden.

Wie genau funktioniert die Gefahreninformation?
Stellen wir uns Folgendes vor: Es ist Winter und auf einer bestimmten Strecke greift bei vielen Fahrzeugen die ESC (Electronic Stability Control) ein, um in der Kurve nicht von der Straße zu rutschen. Das ist ein klarer Hinweis auf Glatteis. Wir machen uns diesen Hinweis zu Nutze, indem wir die vom Fahrzeug erkannte Information „ESC greift an genau diesem Streckenabschnitt ein“ anonymisiert an unser Audi IT-Backend senden. Dort laufen dann alle Meldungen ein und wir können über die Cloud eine aktive Gefahrenwarnung an alle Fahrzeuge senden, die sich ebenfalls auf dieser Strecke befinden. Das lässt sich natürlich auch auf andere Beispiele wie auf eine Unfallstelle, schlechte Sicht durch Nebel oder starken Regen anwenden. So können wir aktiv dazu beitragen, den Straßenverkehr sicherer zu machen.

Was steckt hinter dem Projekt „Audi Fit Driver“?
Mit dem Projekt verfolgen wir den Aspekt „My Audi cares for me“. Das bedeutet, dass das Auto als privater und zugleich vernetzter Raum für Fitness- und Gesundheits-Monitoring dient. Durch Wearables wird der Puls des Fahrers gemessen und über eine App an das Auto übermittelt. Bei Stress reagiert der Audi mit Gegenmaßnahmen wie Massagen oder Anleitungen für Atemübungen. Die Vision von Audi ist ein Fahrer, der am Ziel entspannter aus dem Auto steigt, als er eingestiegen ist.

Vielen Dank für das Interview!